Schweizerische Tagung der
personalärztlichen Dienste
im Gesundheitsdienst

Die Hand an der Arbeit
Lausanne - CHUV
18-19 november 2004

Wissenschaftliche Tagung der
Schweizerischen Gesellschaft
für Arbeitsmedizin

Auf dem Weg zur Benutzung von Sicherheitsinstrumenten ?

Esther Graf-Deuel, Personalärztin und Pietro Vernazza, Leiter Infektiologie KSSG

Risikominimierung der Unfälle mit Infektionsgefahr am KSSG 1998 bis 2003:

Auswirkungen eines benutzerfreundlichen Meldesystems zusammen mit einem wirksamen Unfallverhütungskonzept. Bedeutung von Sicherheitssystemen.

Ziel:

Risikominimierung für Infektionsübertragungen durch Erhöhung der Meldehäufigkeit dank eines benutzerfreundlichen Meldesystems und gleichzeitiger Anwendung eines Konzeptes zur Verhütung von Unfällen mit Infektionsgefahr unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte.

Einleitung:

Ein gut funktionierendes Meldesystem für Stichverletzungen ist die Voraussetzung für ein Monitoring der Unfälle mit Infektionsgefahr und für die Senkung der hohen Nichtmeldehäufigkeit. Ein Unfallverhütungskonzept basierend auf Ursachenanalyse mit gezieltem Ergreifen von Massnahmen nach jeder Stichverletzung wurde 1998 eingeführt zur Minimierung des Risikos von Infektionsübertragungen und zur Reduktion der durch die Sensibilisierung erwarteten starken Zunahme der Meldungen. Die Bedeutung von Sicherheitssystemen soll abgeschätzt werden.

Methode:

Anlässlich der Reorganisation des Meldesystems und der Einführung eines Unfallverhütungskonzeptes 1997 wurden Ausgangs- Resultate 1998/99 erhoben. Das Unfallverhütungskonzept wird den Mitarbeitern bei Eintritt erklärt. Es basiert auf der Ursachenanalyse mit gezieltem Ergreifen von Massnahmen nach jedem Unfall mit Infektionsgefahr, und zwar im Sinne eines Lernprozesses, also ohne Anschuldigungen. Die gemeldeten Stichverletzungen wurden bezüglich Evaluation des Meldeprozesses und der Ursachenanalysen ausgewertet und mit den Vorresultaten verglichen.

Resultate:

Vor Reorganisation des Meldesystems betrug die Nichtmeldehäufigkeit von Unfällen mit Infektionsgefahr 75%. Die Anzahl Meldungen pro Jahr nahm von 129 (1998) statt auf die maximal erwartete Zahl von 520, sondern nur auf 209 (2003) zu, der Anteil der Ärzte stieg dabei von 17% auf 38% der Meldungen. 93% meldeten ihre Stichverletzungen innerhalb von 1 Stunde, so dass bei Bedarf mit einer optimal wirksamen Sekundärprävention gerechnet werden darf. Der Arbeitszeitverbrauch zur Meldung betrug bei 72% weniger als 1 Stunde. Die technischen Ursachen waren in 82% ausreichend, die organisatorischen nur in 19% und die menschlichen Ursachen sogar nur in 4%. 2-händiges Recapping und Nadeln in Abfallsäcken zählten zu Beginn zu den häufigsten, jetzt zu seltenen Ursachen. 30% der Stichverletzungen wird von Mitarbeitenden gemeldet, die weniger als 6 Monate angestellt waren. Nur vereinzelte Mitarbeiter meldeten nicht jede Verletzung, die meisten erreichten es bald sich nur einmal alle paar Jahre sehr leicht zu verletzen. Dazu gehören auch viele Personen mit täglicher Arbeit im Operationssaal.

Die direkten und indirekten Kosten für die Meldung einer durchschnittlichen Stichverletzung beläuft sich auf SFr. 2200. Eine HCV-Übertragung wurde im Beobachtungszeitraum registriert und konnte erfolgreich behandelt werden. Die direkten und indirekten Kosten dieser Behandlung werden auf SFr. 150'000 geschätzt. Die Einführung von Sicherheitssystemen könnte bei der bereits erreichten hohen Melderate die Anzahl der Meldungen an Stichverletzungen senken. Hohe Zusatzkosten dieser technischen Sicherheitssysteme rechtfertigen den in einem auf menschliche und organisatorische Ursachenbekämpfung ausgerichteten System zu erwartenden Nutzen aber kaum.

Zusammenfassung:

Ein gut funktionierendes Meldesystem fördert die Meldehäufigkeit von Unfällen mit Infektionsgefahr und ist wirtschaftlich. Ursachenanalysen mit Massnahmenoptimierung anlässlich der Meldungen zur Unfallverhütung senkt das Infektionsübertragungsrisiko. Eine Infektionsübertragung mit Hepatitis C wurde registriert und erfolgreich behandelt. Die sehr häufigen menschlichen und organisatorischen Ursachen werden durch das Unfallverhütungskonzept wirksam beeinflusst. Der Nutzen von Sicherheitssystemen mit Kosten im Umfange des 2-3-fachen der bisherigen Verbrauchskosten ist schwierig abzuschätzen